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Vom 15. September bis 6. Oktober 2018:

Mit viel Humor und einer gehörigen Portion Selbstironie bringt er die Theaterprobe auf die Bühne: in immer wieder wechselnden Konstellationen wird die Kästchenszene probiert. Da ist der Regisseur der freudianischen Schule auf der Suche nach den seelischen Abgründen des Textes. Die Anfängerin, frisch von der Schauspielschule und noch voller Illusionen, die ihren Regisseur zur Verzweiflung treibt. Und die Diva, die den Jungregisseur abblitzen läßt. Dramaturgin, Requisiteur, alter Theaterhase und Regisseur mittleren Alters mit akutem Karriereknick – sie alle werden auf die Schippe genommen. Ein Reigen von Theater Typen, der kein Klischee auslässt.

Ein gnadenlos ehrliches Stück für eine Frau und einen Mann,

und ein Publikum, welches gerne hinter die Kulissen blickt.

GRETCHEN 89FF


täglich, außer Sonntag & Montag um 20:15 Uhr

mit Lisa Wentz, Peter Fernbach, Oliver Hebeler

REGIE: OLIVER HEBELER

In Lutz Hübners Versuchsanordnung „Faust I, Kästchenszene, Seite 89 folgende“ wird die selige oder unselige Konstellation von Regie und Schauspiel, zwei von alters her natürlicher Angstgegner, präsentiert. Auf sehr komödiantische Weise wagt der Autor einen Blick hinter die Kulissen der deutschsprachigen Bühnenlandschaft – einer Welt voller liebenswerter Spinner, Psychopathen, Neurotiker und Masochisten, und entlarvt dabei vor allem deren Schwächen.

GRETCHEN 89ff oder Zum Teufel mit Faust!

Wie aus einer einzigen Kästchen-Szene abendfüllende Unterhaltung wird


In einem der Textbücher beginnt genau auf Seite 89 die berühmte „Kästchen-Szene“ und setzt sich natürlich über mehrere Seiten fort, deswegen ff. Für die in Goethes Faust weniger Eingeweihten:  Es handelt sich um die Szene, in der Gretchen die von Mephisto hinterlegte Schmuckschatulle findet. Jede gute Gretchen-Darstellerin wird diese Szene anders anzulegen versuchen, meistens aber doch so, wie sich der Regisseur den Auftritt vorgestellt hat. So kann es auch zum tiefsinnigen Ausspruch des Moderators dieses Stücks von Lutz Hübner kommen, der besagt, dass Regie und Schauspiel von Natur aus Angstgegner sind. Herzlich darüber lachen können die Betroffenen selbst, wenngleich ein wenig bitter, denn Regisseure sind ständig mit Mimen konfrontiert, die den Umfang ihrer revolutionären Ideen nicht nachvollziehen können oder wollen, und andererseits diejenigen, die vom Autor vorgeschriebene Texte dem Publikum fesselnd übermitteln sollen, eben den Schauspielern, die auch abenteuerlichste Inszenierungen rein mit ihrer Persönlichkeit nicht selten in einen Publikumserfolg verwandeln.

Dass auch die Zuschauer, die ja nicht unbedingt mit den seltsamen Machenschaften hinter den Kulissen vertraut sein müssen, Spaß an derartigen Offenbarungen haben, ist nicht selbstverständlich, aber doch möglich. „Gretchen 89ff“ oder wie der Untertitel lautet „Zum Teufel mit Faust!“ ist der unterhaltsame Beweis für die ungeahnten Möglichkeiten schmunzelhaltiger Heiterkeit, die in solchen Offenbarungen stecken.

Zu solch einem Unterfangen braucht es aber drei ausgezeichnete Schauspieler. In der Komödie am Kai, wo dieses Stück noch bis 6. Oktober 2018 höchst unterhaltsam über die Bühne geht, stammen diese von der Gruppe mit dem vielversprechenden Namen „Die Satiriker“. Oliver Hebeler ist Moderator und Regisseur, steht also auf beiden Seiten der hier vertretenen Verrissenen. Mit sanftem Ton eröffnet er den Ahnungslosen vor der Bühne, was sich in Wirklichkeit auf dieser bis zur Premiere abspielt.Er stellt mit großer Liebenswürdigkeit die Anfängerin vor, die in der Person der jungen Lisa Wentz einem Ungustl von Regisseur (Peter Fernbach) alles recht machen will und sich dazu sogar Knieschützer anlegt. Da Wentz wie auch die anderen beiden Akteure eine Darstellerin für alle Gelegenheiten ist, wird sie genauso zum naturbelassenen Dirndl vom Land, das die faden Anekdoten des alten Haudegens über sich ergehen lässt, und sogar zur angegrauten Dramaturgin, die einem meiste Zeit stellungslosen Jungschauspieler ihr Konzept eines geschlechtslosen Gretchens nahezubringen versucht. Ihr gegenüber wechselt Peter Fernbach behände die Rollen wie die Hemden (die praktischen Kostüme stammen übrigens von Babsi & Bebi Langbein).

Er schwafelt in einem faszinierenden Schwall nichtssagender Sätze vom Einbringen nebuloser Emotionen, kürzt respektlos den alten Goethe, bis vom originalen Text nichts mehr übrig bleibt, und kuscht gehorsam, wenn er von der Diva und ihren Allüren einfach niedergemacht wird. Sogar das Kästchen kommt zu seinem großen Auftritt, wenn es vom Bühnenarbeiter Fernbach mit Stanniol glänzend verkleidet wird und somit nicht länger mehr ein Dasein als banales Zigarrenkistl fristen muss.


Kultur & Wein, 27. September 2018