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Bis 17. Juni sowie vom 20. Juli bis 2. September 2017:

„Das sind die früheren Verhältnisse, und ́s Fatalste bei die früheren Verhältnisse is, dass sie oft später aufkommen tun.“

Herr von Scheitermann und seine Frau Josephine stehen plötzlich ohne Dienstboten da: Er hat seinen Hausknecht wegen Diebstahl davonjagen müssen, sie bestand darauf, die Köchin zu entfernen, weil sie dem Hausherrn zu gut gefiel. So stößt Peppi Amsel, vormals Köchin in Josephines Elternhaus, zuletzt „Liebhaberin auf ambulanten Bühnen“, neu in den Haushalt dazu. Als Hausknecht bewirbt sich Anton Muffl, ein unschuldig in die Pleite geratener Unternehmer.

Sprachlos stehen sich die beiden Männer gegenüber: Herr von Scheitermann, aufgestiegen durch Heirat mit der aus besseren Kreisen stammenden Josephine, war ehemals der Hausknecht des einstigen Prinzipals Muffl und ist nun panisch bemüht, seine „Früheren Verhältnisse“, seine unrühmliche Vergangenheit als Hausknecht, zu verbergen.

Die Verhältnisse werden immer verwirrender als Muffl auf Peppi trifft, die er für die gnädige Frau hält, die er aber wiederum von früher her aus dem Theater „näher“ kennt. So glaubt er, Scheitermann darüber aufklären zu müssen, dass seine Josephine nicht die ist, für die er sie hält...

„Frühere Verhältnisse“ ist eines der bekanntesten und meistgespielten Stücke des großen österreichischen Komödiendichters Johann Nepomuk Nestroy. Wie kein anderer versteht Nestroy Witz, Humor und Komik mit Ironie und abgrundtiefer Bissigkeit in einen turbulenten Spielverlauf zu fassen. Nestroys Aphorismen und Wortspiele haben theatralische Wucht. Seine Figuren sind sprachgewandt und witzig, ihre Sprache ist voll von ätzendem Scharfsinn, höhnendem Schmäh, sozialpolitischen Anspielungen und schonungsloser Entlarvung menschlicher Schwächen. Ein Meisterwerk der Lustspielliteratur, das sowohl Jung als auch Alt fasziniert und bis heute seinesgleichen sucht.

Posse mit Gesang von JOHANN NESTROY

REGIE: PETER JOSCH

Bühnenbild: Siegbert Zivny/Herwig Libowitzky

Kostüme: Dagmar Truxa

Musikalische Leitung: Walter Lochmann

FRÜHERE VERHÄLTNISSE

täglich, außer Sonntag & Montag um 20:15 Uhr

mit Sissy Boran, Dagmar Truxa

Peter Kuderna, Robert Mohor, Rudolf Pfister


Geheimnisse, Missverständnisse und Verwechslungen bieten Nestroys „Frühere Verhältnisse“

Zwei Männer, zwei Frauen und der Gegensatz zwischen Sein und Schein, zwischen Wunsch und Wirklichkeit stehen im Mittelpunkt des Geschehens: Jeder der Charaktere will seine Vergangenheit tunlichst vor dem Anderen verbergen. So beginnt sich das Beziehungskarussell zum Amüsement des Publikums zu drehen und die Figuren verstricken sich immer weiter in Unwahrheit und Schwindel. Ein Spiel der Heimlichkeiten, gepaart mit Nestroyscher Gesellschaftskritik und dem unvergleichlichen Sprachwitz des Autors.

Frühere Verhältnisse, von Nestroy gnadenlos aufgedeckt

35 Jahre Komödie am Kai oder nicht doch schon viel länger?


Es war das vorletzte Stück des großen Johann Nestroy. Uraufgeführt wurde es am 7. Jänner 1862 in Karl Treumanns Theater am Franz-Josefs-Kai, nur ein paar Schritte entfernt von der Komödie am Kai, die am 27. Mai 2017 das 35-jährige Bestehen feiert. Es lag also nahe, für das Jubiläum „Frühere Verhältnisse“ ins Programm zu nehmen. Als hätte Nestroy die Komödie am Kai gekannt und ihr diese „Posse mit Gesang in einem Act“ auf den Leib geschrieben: Vier Rollen, die für das Fest mit einem direkt dem alten Wiener Vorstadttheater entsprungenen Prologus und vazierendem Hausknecht (Robert Mohor) auf fünf erweitert wurden, ein elegantes Zimmer in reichem Haus als einziger Schauplatz (Bühnenbild: Siegbert Zivny und Herwig Libowitzky) und eine Prinzipalin (Sissi Boran), auf die Josephine, die Tochter aus gutem Haus, als Darstellerin gewartet zu haben scheint. Regisseur Peter Josch hat nicht viel herumgetrickst, sondern das Stück in schöner Wiener Tradition auf die Bühne gestellt, ganz nach dem Motto: „Wie´s so sind bei die kleinen Theater, bei den großen ist´s anders.“

Frühere Verhältnisse, wie sie Nestroy in seiner scharf pointierten Unliebe zu seinen Mitmenschen erdacht hat, haben es in sich. Sie werden Teil eines nicht gerade wohlmeinenden Schicksals, das den herabgekommenen Herrn Anton Muffl zum Hausknecht seines ehemaligen Bediensteten Scheitermann degradiert. Der, inzwischen mit Holzhandel zu Reichtum gelangt, hat wiederum vor nichts mehr Angst, als vor der Entdeckung des einst unwürdigen Standes seiner Frau gegenüber.

Um die Verwicklungen perfekt zu machen, erhält Muffls ehemalige Geliebte „Pompadour“ Peppi Amsel im selben Haushalt die Stelle als Köchin, gibt sich dem neuen Hausknecht gegenüber aber als Herrin des Hauses aus. Zu allem Überfluss taucht ein finsterer Verdacht auf... Dass so ein Pallawatsch dennoch gut ausgeht, ist wieder typisch Nestroy. Er lässt mit dem für ihn selbst geschriebenen Muffl seinen Grant auf das Publikum prasseln, um danach wieder mit der Menschheit versöhnt zu sein.Als solcher meint Rudolf Pfister: „Da hab´i scho gnua, da hab´ i scho gnua!“ und lässt keine Gelegenheit aus, seinem neuen Brotgeber in Gestalt von Peter Kuderna in g´sunder Bösartigkeit die ehemalige Ordnung spüren zu lassen. Er duzt ihn ungeniert, während der andere ihm gegenüber beim braven Sie bleibt. Kuderna wiederum laviert elegant zwischen der Würde eines zu Geld gekommenen Geschäftsmannes und seiner Ängstlichkeit, während er sich einzureden versucht: „Ist alles net wahr! Ist alles net wahr!“ Er kennt diesbezüglich seine Gattin doch nicht gut genug, denn diese ist die Nachsicht in Person, die sie in einem Couplet nicht ausgiebig genug besingen kann. Etwas mehr Erfahrung hat diesbezüglich Peppi Amsel (Dagmar Truxa).

Sie lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass sie weiß, wie Männer ticken: „´S ist a starkes Geschlecht, aber schwach, aber schwach!“ Hinter all dem steht aber die ewig gültige Wahrheit, wie sie Nestroy formuliert hat: „So gibt´s viel gute Menschen, aber grundschlechte Leut´!“ Gewappnet mit einer so wohl differenzierten Einstellung kann´s nur gut weitergehen mit der Komödie am Kai, die sich in den dreieinhalb Jahrzehnten ihres Bestehens als Hort des feinen Boulevards der Wiener Theaterszene erfolgreich behauptet hat.


Kultur & Wein, 21. Mai 2017

Komödie am Kai feiert 35-jähriges Jubiläum:

„Frühere Verhältnisse“ zwischen Sein und Schein

Gleich vorweg: Diese Nestroy-Inszenierung sollte man keinesfalls versäumen! Zeitlos und sich ganz dem Wortwitz des großen Wiener Satirikers verschreibend, hat Peter Josch eines der Spätwerke von Johann Nepomuk Nestroy, „Frühere Verhältnisse“, für die Komödie am Kai inszeniert.

Der Einakter, eine Posse mit Gesang (musikalische Leitung: Walter Lochmann), nimmt die ambivalenten Moralvorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft aufs Korn und entlarvt diese mit beißendem Scharfsinn: Der wohlhabende Holzhändler Herr von (!) Scheitermann ist durch Heirat mit der Professorentochter Josephine in bessere Kreise aufgestiegen – allerdings weiß die Gattin nichts davon, dass ihr Ehegespons einst ein einfacher Hausknecht war.

Dieser wird nun von seinen „früheren Verhältnissen“ eingeholt, da neues Personal für das Hause Scheitermann gesucht wird und sich zur Überraschung des Hausherrn sein einstiger Prinzipal Anton Muffl um die Stelle des Dieners bewirbt. Doch damit noch nicht genug, sucht auch Peppi Amsel eine neue Anstellung: Sie war früher Köchin in Josephines Elternhaus und eine enge Vertraute der jungen Professorentochter, schaffte dann den Aufstieg zur Schauspielerin, um nunmehr doch wieder zu ihrer ursprünglichen Berufung zurückzukehren. Den durch Konkurs gescheiterten Muffl und die von der Theaterwelt enttäuschte Peppi Amsel verbindet eine gemeinsame Vergangenheit: Beide lernten einander in einem Kurbad kennen, in dem die Schauspielerin an einer kleinen Bühne auftrat, und verlobten sich alsbald.

Große Verwirrung bricht los, als alle vier Charaktere in Scheitermanns Salon aufeinander treffen: Einzig Josephine weist einen untadeligen Lebenslauf auf, alle anderen versuchen mit großer Mühe, über ihre einstigen bzw. derzeitigen Lebenssituationen den Mantel des Schweigens zu breiten, zumal Muffl Peppi durch eine Verwechslung für die Herrin des Hauses hält und Josephine ihren Gatten eines Verbrechens verdächtigt.

Uraufgeführt am 7. Jänner 1862 im Theater am Franz-Josefs-Kai (am heutigen Morzinplatz), sind es die Dienstboten, die in dieser sehr turbulenten Posse rund um Sein und Schein die Richtung vorgeben.  Regisseur Peter Josch hat die Nestroyschen Couplets behutsam amüsant modernisiert und zu dem Charakter-Quartett noch eine Figur hinzugefügt – die eines vazierenden Hausknechts. Robert Mohor darf als solcher eine Einführung zum Stück, aber auch Erhellendes zum halbrunden Jubiläum der Komödie am Kai mit pointiertem Schmäh vortragen, um später als glückloser Bewerber im Hause Scheitermann zu landen.

Der stilvolle Salon des Hauses Scheitermann (Bühne: Siegbert Zivny/Herwig Libowitzky), der mit einer Chaiselongue, einem Beistelltisch, anderen Sitzgelegenheiten und einer Grünpflanze ausgestattet wurde, ist der Schauplatz für die zahllosen Verwicklungen: Sissy Boran mimt sehr erhaben die vornehme Dame des Hauses, die mit Hilfe von Peppi ihren verdächtigen Gatten des Diebstahls zu überführen hofft. Peter Kuderna verkörpert grandios den ruhelos-nervösen Emporkömmling Scheitermann, der panische Angst davor hat, dass sein Dasein als ehemaliger Hausknecht vor seiner Frau enthüllt wird. Als charmant-kecke Peppi Amsel, die es wagt, auch dem Hausherrn zu widersprechen, glänzt Dagmar Truxa (die auch die geschmackvollen Kostüme beigesteuert hat), und auch Rudolf Pfister beeindruckt als nassforscher Anton Muffl, der seinen ehemaligen Hausknecht ganz nonchalant duzt. Allen Charakteren gemeinsam ist ihr salonwienerische Akzent, der die sehenswerte Inszenierung stringent abrundet.


Vor genau 35 Jahren, am 27. Mai 1982, läutete die Komödie am Kai unter der Direktion von Erich L. Koller mit dem Lustspiel „Gute Nacht Liebling – und wünsch mir Glück“ des britischen Dramatikers William Douglas-Home ihren Spielbetrieb ein. Die Örtlichkeit ist von kulturhistorischer Bedeutung: Ab 1960 befand sich Stella Kadmons „Theater der Courage“ an dieser Stelle. Erich Martin Wolf, Obmann der Österreichischen Theatergemeinde, würdigte im Rahmen der feierlichen Gala-Premiere das Lebenswerk Erich L. Kollers. Seit Bestehen der Komödie am Kai wurden 176 Produktionen gezeigt, in einer gelungenen Mixtur aus modernen Stücken, Klassikern und Wiedentdeckungen – immmer mit dem Bestreben, für das Publikum zu spielen. Ebenso ließ Prinzipalin Sissy Koller-Boran ließ die Geschichte des Hauses in sehr persönlichen Worten Revue passieren und dankte ihrem Gatten, der auch anwesend war, ebenso wie ihrer „Theaterfamilie“ und Andrea Eckstein, einer der Stützen des Hauses. Ein bewegender Abend, der noch lange nachklingen wird!


Anja Schmidt, Kultur Schatulle, 5. Juni 2017